Saturday, November 29, 2008

Sensitive Themen in der Türkei 3: Die Kurdenfrage

Hallo!
Hier noch mein Eintrag zu einem weiteren empfindlichen Thema in der Türkei: Alles, was die Kurden, ihr Streben nach Unabhängigkeit, die PKK und die Rechte der Kurden als ethische Minderheit betrifft. Auch hier ist mein Wissen sehr vage, da auch dieses Thema, anderes als Atatürk,noch nicht mit so vielen Menschen diskutiert habe. Seht mir also bitte Fehler oder Ungenauigkeiten nach...

In der Türkei leben laut Wikipedia 10-15 Millionen Kurden, das sind knappe 20% der türkischen Bevölkerung. Das Gebit in dem sie ursprünglich lebten und wo auch die meisten heute noch leben ist der Südosten der Türkei mit dem Zentrum Diyarbakir. Außerdem leben Kurden im Nordirak, Syrien und im Iran. Dementsprechend würden auch diese Länder bei der Schaffung eines Kurdischen Staates Territorium verlieren. Die Kurden haben ursprünglich auch eine eigene Sprache, diese ist in der Türkei allerdings nicht als zweite Amtssprache oder Sprache in den entsprechenden Gebiet anerkannt. Dies geht unter anderem darauf zurück, dass bei der Gründung der Türkei die Kurden nicht wirklich als ethnisch andere Gruppe anerkannt und auf die Einheit der Türkei gepocht wurde. Sieht man die Kurden als Minderheit, genießen sie keine Minderheitenrechte, im Gegenteil, so zumindest die Aussage der Kurden und auch einiger Türken, werden sie oft diskriminiert.
Seit es den Türksichen Staat gibt (1923), gab es auch schon Versuche der Kurden auf mindestens Autonomie zu pochen. Diese wäre ihnen übrigens nach dem Abkommen von Sèvres, das durch den Türkischen Unabhängigkeitskrieg annuliert wurde, zugestanden worden, und es wäre sogar möglich gewesen, dass daraus ein türkischer Staat entstanden wäre. Mir scheint es auf jeden Fall, dass die Beziehungen schon seit Beginn des türkischen Staates nicht gerade die wärmsten waren.
In den 1980er Jahren kam dazu dann der bewaffnete Kampf der PKK. Ich habe hier gehört, diese wäre von Syrien ins Leben gerufen worden, um gegen Wasserentwicklungsprojekte der Türkei im Südosten vorzugehen. Klang für mich erstmal ziemlich abgedreht, doch es gibt durchaus ein paar Gründe, weshalb Syrien eine solche Haltung zum Vorteil gereichen könnte. In einer Region wie dem Nahen und Mittleren Osten, wo es Wasserknappheit oder zumindest Wasserstress (Die UN hat Wasserknappheit als unter 1000 Kubikmeter Wasser per capita pro Jahr und Wasserstress als zwischen 1000 und 1700 Kubikmeter Wasser per capita pro Jahr definiert) herrscht, ist ein Projekt, dass das Wasser, das aus der Türkei nach Syrien fließt, verringert, durchaus eine reale Bedrohung. Und die Kämpfe der PKK fingen im gleichen Jahr an, wie das Wasserprojekt der Türken.
In jedem FAll hat dieser bewaffnete Kampf, der, wie mir bisher von fast überall gesagt wurde, nicht von so vielen Kurden unterstützt wird, inzwischen schon unzählige Tote gefordert und eine deutliche Eskalation bewirkt. Dies hat, so kann ich mir vorstellen, sich auch einiges an Diskriminierung und Polarisierung verstärkt.
Für die Türkei geht es dabei nicht nur ums Prestige (auch wenn das sicher auch nicht zu unterschätzen ist), sondern auch um 40% ihrer Wasserressourcen!
Aufgrund der Tatsache, dass es in der Türkei nach wie vor den Wehrpflicht (und zwar ohne die Option eines Zivildienstes!!!) gibt und, so wie es scheint, diese Wehrpflichtigen auch im Kamof im Südosten gegen die PKK eingesetzt werden und dort auch sterben, betrifft dieses Thema hier jeden und die Verluste sorgen natürlich für weitere Angst und Polarisierung in der Bevölkerung.
So wie es sich für mich darstellt, findet, während wir hier in Ankara in Frieden studieren, im Südosten der Türkei tatsächlich mehr oder weniger ein Krieg statt. So sind seit ich hier bin, schon mindestens 20 türkische Soldaten in Kämpfen mit der PKK gestorben (manche Zeitungen schreiben auch ermordet worden).
In der politischen Arena gibt es auch ein Partei der Kurden, die DTP. Allerdings gibt es anscheinend Beweise, dass diese die PKK unterstützt und so scheint es so, dass diese Partei bald auch verboten wird.
Meiner Meinung nach gibt es dementsprechend ein ziemliches Debakel: Es scheint, die Polarisation ist soweit fortgeschritten, dass es kaum moderate Kräfte gibt (z.B. eine Partei, die die Sache der Kurden, also minderheitenrechte, Autonomie, usw. vertritt, aber sich nicht durch Unterstützung der PKK im türkischen Parlament disqualifiziert). Dementsprechend bleiben, so wie ich es sehe, den Menschen keine demokratischen Wege, um etwas an ihrer Situation zu verändern, was wiederum die PKK stärker macht, da es sicher einige frustrierte Menschen gibt, die dann zu den Waffen greifen. Dies ist sicher sowohl soziologisch als auch in Bezug auf Friedensforschung ein hochinteressantes Thema, das genauer untersucht werden sollte.

Wie erklärt, ist dieses Thema hier sehr sensibel. Das habe ich einmal erlebt, als ich mit einem Mitbewohner hier im Wohnheim diskutiert habe. In dem Fall war durch die vorherige Diskussion schon einiges von meiner diplomatischen Diskussionsweise verbraucht und ich habe unter der Ankündigung einer provokativen Aussage gesagt, dass die Kurden doch eigentlich auch nur für ihre Unabhängigkeit kämpfen, ebenso wie die Türken 1920-1923. Diese Aussage hat mein Gegenüber verletzt und die Diskussion danach hat kaum noch mehr als eine oder zwei Minuten gedauert! Das ließ sich zwar später wieder entschärfen, es hat mir aber doch sehr eindrucksvoll die Sensibilität dieses Themas vor Augen geführt!

Soweit mal wieder.
Viele liebe Grüße!

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